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Artikel vom 19. Oktober 2020

Gründen in der Kreativwirtschaft: Interview mit Andreas Rautenberg von der Hamburg Kreativ Gesellschaft

Kreativ gründen

Seit der Gründung im Jahr 2010 versteht sich die Hamburg Kreativ Gesellschaft mit ihren vielfältigen Angeboten als zentrale Anlaufstelle für alle Akteur_innen der Hamburger Kreativwirtschaft. Foto: James Pond via Unsplash

Wie bist du zur Hamburg Kreativ Gesellschaft gekommen?

Durch meine vorherigen Tätigkeiten in der Musikwirtschaft hatte ich seit der Gründung Kontakt zur Kreativ Gesellschaft. Von Beginn an habe ich als Berater die Hamburger Labelförderung der Behörde für Kultur und Medien betreut. Dann wurde diese zur organisatorischen Abwicklung an die Hamburg Kreativ Gesellschaft übertragen und es intensivierte sich unser Kontakt. Es bot sich dann schließlich die Möglichkeit, für die Kreativ Gesellschaft im Bereich Beratung und Qualifizierung zu arbeiten. Und diese habe ich dann gern wahrgenommen.

Was verbindet dich mit der Kreativgesellschaft und was mit dem Thema „Existenzgründung“?

Das Ziel der Kreativ Gesellschaft, die Bereiche der Kreativen und der Wirtschaft enger zu verzahnen. Ein Bewusstsein bei den Kreativen für die Ökonomie und gleichzeitig ein Bewusstsein bei der Ökonomie für die Kreativen zu schaffen, ist aus meiner Sicht eine interessante Aufgabe. Bei der ich gern mitwirke. Nach der Universität und auch in späteren Phasen in meinem Berufsleben stand ich auch vor der Entscheidung, ob ich eine Selbständigkeit verfolge oder mir doch lieber einen Job suche. Ich habe in beiden Feldern Erfahrungen gesammelt. Und kann die Situationen, in denen sich Gründer_innen befinden, gut nachvollziehen.

Wie sieht dein genauer Tätigkeitsbereich aus?

Hauptsächlich biete ich Beratungen an, sowohl telefonisch als auch persönlich. Zur ersten Orientierung können sich Interessierte zur Fragestunde anmelden. Bei dieser können wir in einer Gruppe erste Fragen zur Selbständigkeit und Gründung klären. Ergänzend bin ich für ein Coachingprogramm zuständig. Hierbei können Kreative zu günstigen Konditionen alle Fragen rund um ihr Geschäftsmodell und ihr unternehmerisches Handeln mit einem Business-Coach klären.

Was sind eure besonderen Programme für Gründer?

Neben der Fragestunde und den Einzelgesprächen bieten wir vor allem das Programm „Butter bei die Fische“ an. Dieses wird von meiner Kollegin Isabel Jansen betreut. Hier vermitteln Expert_innen in kurzen Vorträgen und Gesprächen Grundlagenwissen an Gründer_innen und Interessierte.

Wie habt ihr auf die Corona-Krise reagiert? Und was hat sich dadurch in eurem Angebot geändert?

Uns haben die Pandemiemaßnahmen genauso unvorbereitet getroffen, wie wahrscheinlich die gesamte Gesellschaft. Zunächst haben wir alle verfügbaren Informationen zusammen getragen. Um Kreative möglichst umfassend beraten zu können. Dafür wurde zusätzlich eine Hotline eingerichtet. Wir mussten uns sehr schnell an die digitalen Werkzeuge gewöhnen, damit wir unsere Angebote auf dem virtuellen Weg aufrecht erhalten konnten. Aber es wurden auch neue Formate etabliert. Podcasts, neue Förderprogramme wie die Crowdfunding-Kampagnenförderung oder auch das Emergency Lab, bei dem wir Kreative und traditionelle Unternehmen zusammengebracht haben, um an neuen Lösungen zur Krisenbewältigung zu arbeiten.

Welche Berufsgruppen aus der Kreativwirtschaft trifft die Krise aus eurer Sicht besonders hart? Und was könnt ihr für diese gerade tun?

Ich habe den Eindruck, dass es neben den Kreativen, deren Aktivitäten in öffentlichen Räumen stattfinden – wie zum Beispiel Musiker_innen und Schauspieler_innen – vor allem diejenigen trifft, die als Selbständige durch ihre Arbeit Impulse bei vielen Projekten größerer Firmen gesetzt haben. Wie zum Beispiel Designer_innen, die zur Zeit kaum Aufträge bekommen.

Ihnen bieten wir unser Wissen und unser Netzwerk an, um ihnen mögliche Alternativen und weitere Optionen aufzuzeigen. Viele unserer Angebote zielen darauf, neue Qualifikationen zu erwerben. Und im besten Fall neue Ideen in eine Gründung münden zu lassen. Zuletzt haben wir in Zusammenarbeit mit dem Designxport den „Silberstreifen-Award“ vergeben. Damit waren Designer_innen eingeladen, Konzepte, Methoden und Produkte zu entwickeln, die Lösungsansätze für Herausforderungen wie Pandemien, Klimawandel oder gesellschaftspolitische Missstände bieten.

Was ist dein Ratschlag, den du Gründern aus der Kreativwirtschaft am häufigsten mitgibst und hast du einen besonderen Ratschlag auf die aktuelle Krise?

Kreativ gründen

Seit 2015 betreut Andreas Rautenberg die Labelförderung für die Hamburg Kreativ Gesellschaft. Außerdem ist er für den Coach- und Expertenpool sowie Beratungen bei der Hamburg Kreativ Gesellschaft zuständig. Foto: Hamburg Kreativ Gesellschaft

Ein genereller Ratschlag würde womöglich die besondere Situation jedes einzelnen nicht genügend berücksichtigen. Ich möchte vor allem aber dazu ermutigen, sich von den formalen Anforderungen einer Selbständigkeit nicht abhalten zu lassen, seine Geschäftsidee zu verwirklichen. Neben den individuellen Hilfestellungen, die ich in meinen Gesprächen gebe, möchte ich eigentlich alle auffordern, neue Perspektiven einzunehmen. Neues Wissen zu erarbeiten und neue Netzwerke aufzubauen, um zu erkennen, wo ihre Kreativität in diesem Umbruch am besten einzusetzen ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Andreas!

Artikel vom 13. Oktober 2020

Podcast „Gründung in Sicht“: Interview mit Nadine Herbrich von recyclehero

Wie gründet man eigentlich ein Unternehmen mit Social Impact?

Im neuen Podcast Format der hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative „Gründung in Sicht“ spricht Nadine Herbrich mit uns über ihr eigenes Unternehmen recyclehero – Deutschlands erstem Abholservice für recyclebare Wertstoffe. Eine Gründung mit vielschichtigem Social Impact. Denn die Abholtouren werden mit Ebikes gefahren und die Mitarbeiter von recyclehero sind sozial Benachteiligte – Langzeitarbeitslose, Flüchtlinge und Obdachlose.

Nadine hat zusammen mit ihrem Partner Alessandro gegründet. Wie ist es plötzlich, nicht nur Liebespaar, sondern auch Geschäftspartner zu sein? Wie fühlt es sich an, seinen sicheren Job in der Immobilienbranche gegen eine sozial orientierte Selbstständigkeit einzutauschen? Warum ist Hamburg genau der richtige Gründungsstandort für recyclehero?

Auf all diese Fragen gibt Nadine im Interview Einblicke in ihre ganz persönlichen Erfahrungen.

Podcast Gründung in Sicht

Nadine Herbrich, Gründerin von recyclehero auf dem Weg zum Podcast-Interview mit einem ihrer Ebikes. Foto: Privat

Mehr Infos zum Unternehmen findet ihr hier: www.recyclehero.de
Und wenn ihr Lust habt, noch mehr über recyclehero zu erfahren, dann findet ihr hier auch noch einen Blogbeitrag über die Held_innen.

Podcast „Gründung in Sicht“

In unserem Podcast geben regelmäßig bereits erfolgreiche Hamburger Gründer_innen Einblicke in ihren Unternehmensalltag. Sie berichten ehrlich von ihren eigenen Erfahrungen und ihren ganz unterschiedlichen Herausforderungen und Glücksmomenten. Denn wir wollen wissen: Wie fühlt es sich an, selbstständig zu sein, komplett eigenverantwortlich, aber selbstbestimmt? Wie sind die Gründer_innen durch gestartet, welche Unterstützung und Angebote bietet das Hamburger Gründungsnetzwerk? Außerdem kommen in manchen Folgen Experten zu Wort, um wichtige Infos und Tipps rund um alle Themen der Gründung zu geben.

Stay tuned – wir freuen uns schon auf das nächste Interview, das wir für unseren Podcast führen dürfen!

Artikel vom 26. August 2020

Gründerstory: Psychologischer Lotse durch stürmische Zeiten

Selbstständigkeit als Psychologe

Daniel Will bietet psychologische Beratung in Hamburg und hilft Menschen in „stürmischen Zeiten wieder in fahrbares Wasser zu gelangen“. Er selbst sieht sich dabei als ein „Lotse auf einem Schiff“. Foto: Privat

Nicht jeder braucht eine Therapie, vieles lässt sich auch mit einer psychologischen Beratung klären, findet Daniel Will. Gerade jetzt, wo die Corona-Pandemie auf breiter Front zu seelischen Nöten führe. Nach seinem Master in Psychologie sammelte der 34-Jährige u.a. als Schulpsychologe so viel Erfahrung, dass er sich im Mai 2019 gut gewappnet sah für den Schritt in die Selbstständigkeit. Als psychologischer Berater sieht er sich als ein „Lotse“ auf dem Schiff: „Steuern muss der Klient selbst, aber ich führe ihn aus dem Sturm wieder in fahrbare Gewässer.“

In einer Art Vorstufe zur Psychotherapie bietet Daniel in einer Praxis- und Bürogemeinschaft in Hamburg-Eilbek – und auch online – einen geschützten Raum, um Menschen durch stürmische Zeiten zu helfen. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Partnerschaftsprobleme oder der Verlust eines Menschen. „Sich zu allgemeinen Lebensfragen Hilfe zu holen, gehört in Amerika zum guten Ton, wird aber hierzulande noch immer stigmatisiert“, wundert sich der Hamburger.

Mangelware Einzelberatung

Seine Klienten indes konnten in sechs Jahren Berufstätigkeit nicht unterschiedlicher sein: Während seines studienbegleitenden Praxisteils am Deutschen Herzzentrum in Berlin betreute er Patienten vor und nach einer Herz- oder Lungentransplantation. In einer Eltern-Kind-Klinik an der Nordsee arbeitete er dann eineinhalb Jahre mit Menschen, die an Haut-, Atem- und Stresserkrankungen litten – mit Schwerpunkt Familiendynamik. Nach einem halben Jahr in der Ambulanten Sozialpsychiatrie in Hamburg übernahm er schließlich als Schulpsychologe an einem ReBBZ die Beratung für gleich 45 Schulen. „Hier merkte ich, wie groß der Bedarf an Einzelberatung, Fortbildung und Supervision ist“, sagt Daniel, „letztlich gab das den Ausschlag für die Gründung.“

Klar war aber auch: Seine Ausbildung zum Psychotherapeuten, die er gerade begonnen hatte, würde noch lange dauern. Zugleich fühlte er sich durch mehrere fachliche Aus- und Weiterbildungen, wie die zwei-jährige Ausbildung zum systemischen Berater, gut gerüstet für den ersten Schritt in die Selbstständigkeit. Über einen Berliner Freund hatte er „Talk Now“ kennengelernt, eine Online-Beratungsplattform für mentales Wohlbefinden. Um einsteigen zu können, musste er zumindest nebenberuflich selbstständig sein. „Also schrieb ich in drei Wochen meinen Businessplan, sicherte mir parallel den Gründungszuschuss und einen ersten Honorarauftrag an einer Klinik.“

Selbstständigkeit als Psychologe

Zu Beginn seiner Sitzungen nutzt Daniel Will die „Seekarte der Befindlichkeiten“, um die Erwartungshaltung seiner Klienten zu klären – und welche Anstrengungen sie auf sich nehmen würden, um ihr Ziel zu erreichen. Foto: Privat

Starthilfe durch die hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative und das Gründerkompetenzzentrum

Bei seinen Recherchen stieß er auf die hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative und bekam zusätzlich gleich einen Termin am Gründerkompetenzzentrum, um den Business-Plan prüfen zu lassen. „Rita Mirliauntas ist mit ihren über 80 Jahren eine echte Koryphäe, ich fühlte mich super aufgehoben – immerhin ging es darum, den Gründungszuschuss für die ersten 6 Monate zu beantragen und ihn später nochmal zu verlängern. Bei dieser Tragfähigkeitsprüfung war sie eine große Hilfe.“ Über das hei.scheckheft machte er sich fit in Akquisestrategie, Empfehlungsmanagement und Suchmaschinenoptimierung. Logo und Visitenkarte überließ er einem Grafiker, die Website erstellte er mit WordPress in eigener Regie.

Präsent sein ist das A & O für die Selbstständigkeit

Den ersten Aufträgen folgte schnell die Weiterempfehlung. „Durch die Selbstständigkeit positioniere ich mich unabhängig vom Schulsystem, weiß aber trotzdem genau, über welches Tätigkeitsfeld wir sprechen“, freut sich der Gründer. Inzwischen supervidiert er drei Gruppen an Schulen, auch Einzelberatungen und ein Lehrauftrag kamen darüber zustande. Bei der Akquise, so sein vorläufiges Fazit, zählt vor allem eins: präsent sein. „Das war für mich anfangs schwer und ich musste an mir arbeiten, es ist aber hilfreich, wenn einem Andere Türen öffnen. Aber das braucht Zeit und Geduld. Das muss man einkalkulieren.“

Sobald seine Ausbildung zum Psychotherapeuten abgeschlossen ist, will Daniel ein breites Portfolio anbieten: Von der psychologischen Beratung und Supervision über die psychotherapeutische Einzel- und Gruppentherapie bis zur Psychoanalyse. Außerdem will er mit Fachvorträgen zu Themen wie „Psychotraumatologie“, „schwierige Elterngespräche führen“ oder „Stressbewältigung für Lehrkräfte“ eine Mischung aus kollegialer Fachberatung und klassischer Lehrtätigkeit anbieten. Über die Kooperation mit einer Kollegin, die als Hebamme arbeitet, plant er gerade eine Vortragsreihe zu frühkindlicher Erziehung und Partnerschaft.

Hilfe annehmen – und auch mal Abstand gewinnen

„Ob man gleich in die Vollen geht, weil man schon Aufträge hat oder erstmal die Teil-Selbstständigkeit wählt, um mehr Zeit für die Akquise zu haben, muss jeder selbst entscheiden“, findet Daniel. Was er allen Gründern rät: Gründungszuschuss beantragen und Unterstützung wie die der hei. in Anspruch nehmen, und sich an entscheidenden Stellen fragen: „Lerne ich das selbst und investiere Zeit oder beauftrage ich jemanden und investiere Geld?“ Und, hier spricht der Psychologe: „Geduld, Ausdauer und einen guten Ausgleich finden – lieber mal gezielt ein Wochenende loslassen und dann den Faden wieder aufnehmen, das bringt oft mehr als durcharbeiten.“

Artikel vom 14. August 2020

Hamburger Gründertag digital – 3 Fragen an Claudia-Marie Dittrich, hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative

Hamburger Gründertag digital

Der Hamburger Gründertag digital findet vom 7. bis 11. September statt und bietet Gründer_innen kompaktes Wissen rund um die Selbstständigkeit. Foto: hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative

Was genau plant die hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative zum Hamburger Gründertag digital?

Für den Hamburger Gründertag digital planen wir eine vielfältige Mischung aus Infos, Tipps und Inspiration für Gründerinnen und Gründer. Dafür haben wir drei digitale Formate ausgewählt, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern größtmögliche Flexibilität bieten – aber auch aktive Teilnahme ermöglichen.

Zum einen haben wir mit Expertinnen aus unserem Hamburger Gründungsnetzwerk vorab Videovorträge aufgezeichnet. Diese kann man sich im Zeitraum 7. bis 11. September zu jeder Tages- und Nachtzeit anschauen. Darin beleuchten wir Themen wie die ersten Schritte in die Gründung, erfolgreiches Preismanagement und Preiskalkulation, souveränes Verhandeln und Projektmanagement. Außerdem wird es im geplanten Zeitraum an jedem Tag mindestens einen Live-Chat mit einer Expertin oder einem Experten geben. Heißt konkret: Registrierte Teilnehmer bekommen per Email vorab ein Login zugeschickt, können sich dann in den Videochat einwählen, einen kurzen Impulsvortrag anhören und anschließend ihre Fragen stellen. Hier behandeln wir Themen wie die rechtlichen Grundlagen einer Existenzgründung, digitale Buchhaltung, Tipps für den Businessplan, SEO und andere.

Als letztes Format starten wir ganz neu den hei.podcast „Gründung in Sicht“. Hier sprechen wir als hei. Team zunächst mit verschiedenen Gründerinnen und Gründern aus Hamburg. Wir fragen nach ihren Gründerstorys, ihren Erfolgserlebnissen, Stolpersteinen, Fehlern, aus denen sie gelernt haben und ihren Tipps für alle Gründungsinteressierten. Später werden wir dann auch Expertinnen und Experten vor das Mikro holen und planen so, auch längerfristig einen interessanten und inspirierenden Podcast zu etablieren.

Warum habt ihr euch entschieden, eine digitale Veranstaltung zu organisieren?

Wir haben uns aus zwei Gründen entschieden, den Hamburger Gründertag in diesem Jahr als Digitalversion anzubieten. Erstens, weil wir in unseren vielen Beratungsgesprächen in den letzten Monaten immer wieder gehört haben, wie dringend nach Informationen und Angeboten dieser Art im Netz gesucht wird. Corona hat uns ja alle innerhalb kürzester Zeit quasi dazu „gezwungen“, neue Wege einzuschlagen und neue Dinge auszuprobieren – da lag es für uns auf der Hand, das auch mit Blick auf den Hamburger Gründertag zu tun. Zweitens feiern wir in diesem Jahr das 25. Jubiläum des Hamburger Gründertags und der hei. … Und ehrlich gesagt wollten wir uns da durch diese Krise auch keinen Strich durch die Rechnung machen lassen. Wir probieren eben gern auch neue Dinge aus und hoffen, dass möglichst viele Gründungsinteressierte sowie Gründerinnen und Gründer von unserem Angebot profitieren können.

Wie nehmt ihr selbst derzeit die Gründerstimmung in Hamburg wahr? Ist da ein großer Bedarf an Beratungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten?

Hamburger Gründertag digital

Claudia-Marie Dittrich ist Leiterin der hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative. Die branchenübergreifende Erstanlaufstelle für Gründer_innen gibt es bereits seit 25 Jahren. Foto: privat

Die Nachfrage nach Beratungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten ist ungebrochen hoch. Natürlich gibt es aufgrund der aktuellen Situation auch zweifelnde Stimmen und der ein oder andere Gründungsplan ist durch Corona erstmal durchkreuzt oder ganz auf Eis gelegt worden. Gleichzeitig erleben wir aber täglich einen unbändigen Gründungswillen. Das hat uns gerade zu Beginn der Pandemie im Februar und März selbst ein bisschen überrascht. Sei es, weil sich eine Arbeitssituation verändert hat und nun das Thema Selbstständigkeit als konkrete Option wieder in den Vordergrund rückt, oder, weil aufgrund der Corona-Krise auch neue Ideen, Geschäftsmodelle und Gründungsansätze entwickelt werden. Wir als branchenübergreifende Erstanlaufstelle für Existenzgründerinnen und -gründer in Hamburg können keinen Rückgang in der Nachfrage feststellen. Im Gegenteil!

Alle Infos sowie die kostenfreie Registrierung für den Hamburger Gründertag digital 2020 auf www.gruendertag.hamburg

 

Artikel vom 05. August 2020

Gründen mit Wissenschaft und Technologie: Interview mit Wiebke Brandt der Startup-Unit von Hamburg Invest

Gründen mit Wissenschaft und Technologie

Für wissens- und technologie-orientierte Gründungen gibt es in Hamburg seit Januar 2018 die Startup-Unit von Hamburg Invest als zentrale Anlaufstelle. Foto: Remy Loz via Unsplash.

Seit gut zweieinhalb Jahren gibt es die Startup-Unit von Hamburg Invest. Als zentrale, öffentliche Einrichtung ist sie eine wichtige Anlaufstelle für wissens- und technologie-orientierte Gründungen in unserer Hansestadt. Gleichzeitig soll die Unit die Stadt Hamburg als attraktiven Standort für internationale Gründer noch sichtbarer machen. Ein Teil des zweiköpfigen Teams ist Wiebke Brandt. Wir haben mit Wiebke gesprochen: Über ihren Job als Projekt-Managerin bei der Start-up Unit. Über die Herausforderungen, die die Corona-Zeit für Startups mit sich bringt. Und sie wirft für uns einen Blick in die Startup-Zukunft von Hamburg und zeigt Trends auf.

Was bietet die Startup-Unit von Hamburg Invest und was ist das ganz Besondere an dieser Anlaufstelle für Gründer_innen?

Wer Informationen zu innovativen Startups, Events & Konferenzen, Hochschulen, öffentlichen Fördereinrichtungen, Clustern, Inkubatoren und Acceleratoren sucht, ist bei uns genau richtig. In unserer regelmäßigen und kostenlosen Startup-Sprechstunde, die alle zwei Wochen stattfindet, erhalten alle Gründungswilligen einen ersten und immer auch individuellen Überblick zu den Angeboten der Startup-Unit sowie zu städtischen und privaten Initiativen und relevanten Netzwerken. Natürlich gilt dies auch für internationale Gründerinnen und Gründer, die sich für den Standort interessieren. Zudem vertritt die Unit den Startup-Standort Hamburg international durch die Teilnahme an internationalen Konferenzen.

Wie bist du selbst zur Startup-Unit als Projektmanagerin gekommen?

Bis vor rund zwei Jahren war ich in einem Startup beschäftigt und habe dort von Unternehmensgründung an selbst sehr viele Erfahrungen machen können. Dabei standen wir, wie viele junge Unternehmen, oft vor großen Herausforderungen. An einem Punkt ging es für mich dort nicht weiter und ich wollte meine Erfahrungen aus dem Startup „weitergeben“. Als Projektmanagerin der Startup-Unit Hamburg kann ich genau das machen. Denn der Gründungsstandort Hamburg bietet wirklich viele Unterstützungsangebote. Diese an junge Unternehmerinnen und Unternehmer weiterzugeben und ihnen den Weg dadurch erleichtern zu können, ist einfach ein gutes Gefühl. Denn, wenn wir im Startup damals gewusst hätten, was die Stadt Hamburg alles zu bieten hat, wären einige Herausforderungen vielleicht auch leichter zu meistern gewesen.

Wie nimmt die aktuelle Corona-Krise – aus deinen persönlichen Erfahrungen durch Gespräche mit den Gründern_innen – Einfluss auf die Startup-Szene in Hamburg?

Wir bemerken einen tollen Solidaritätsgedanken bei vielen Startups. Untereinander werden schnell Infos zu neuen Finanzhilfen oder auch relevanten Webinaren und digitalen Events ausgetauscht. Auch wir sind neue Kooperationen eingegangen und so entstand zum ersten Mal ein nationales Startup-Event mit den Wirtschafsförderungen der Städte Berlin, Köln und München, bei dem wir alle zusammen für den Startup-Standort Deutschland standen.

Wo liegen aus deiner Sicht derzeit die größten Herausforderungen für Startups in Hamburg?

Diese werden wahrscheinlich die Finanzierung betreffen. Besonders herausfordernd ist es für Unternehmen, denen die geplante Finanzierung aufgrund der Corona-Krise weggebrochen ist. Die Förderlotsen der IFB informieren zu allen aktuellen Finanzierungshilfen. Dies kann ich nur jedem Unternehmen empfehlen, sich dort einmal beraten zu lassen.

Was sind die größten Themen, mit denen sich Startups derzeit beschäftigen? Kannst du derzeit einen Themenfeld- / oder Branchentrend erkennen, dem viele Startups in Hamburg folgen?

In den letzten Monaten zeichnete sich unter anderem ein Trend Richtung Gesundheitswirtschaft ab. Ideen, wie zum Beispiel mentales Training oder auch psychologische Betreuung, nicht nur in Krisenzeiten, sondern natürlich auch darüber hinaus, digital vermittelt werden kann, sind auch schon vorher entstanden. Aktuell erhalten diese Ideen aber einen größeren Stellenwert als bisher und dies kann für einige Startups eine echte Chance sein.

Und wenn du einen Blick in die Zukunft wagst – was wird aus deiner Sicht immer wichtiger für Startups und welche Startups werden wichtig für Hamburg?

Gründen mit Wissenschaft und Technologie

Wiebke Brandt, Projektmanagerin bei der Startup-Unit von Hamburg Invest, berät Gründer_innen aus den Bereichen Wissenschaft und Technologie. Foto: Privat

Hamburg schafft bereits mit seinen starken Wirtschaftsbereichen wie zum Beispiel Logistik oder Life Science ein gutes Fundament für Neugründungen. Allerdings legt der Standort auch bei Querschnittstechnologien wie KI bzw. AI zu. So entstehen immer mehr Angebote und Institutionen wie beispielsweise der Health AI Hub. Von dieser Entwicklung können viele Branchen profitieren.

Ganz lieben Dank für das Gespräch und die Einblicke in die Startup-Szene, liebe Wiebke!

Artikel vom 27. Juli 2020

Gründerstory: Ein Afro ist mehr als nur eine Frisur

Gründerstory mit Abina Ntim von JONA curly hair care

JONA steht für „Join Our Natural Association“ – mit ihren Produkten und ihren Workshops will Abina Ntim das Selbstbewusstsein von Menschen mit naturkrausen Haaren stärken. Foto: Laura von Troschke

Es sollte keine Modefrage sein, ob man seinen Afro zeigt, findet Abina Ntim. Weltweit entscheiden sich Black People of Color mittlerweile selbstbewusst, ihre Haare nicht mehr chemisch zu glätten. Doch der Weg dorthin ist alles andere als einfach. Das weiß die 31jährige Hamburgerin, die eine kulturanthropologische Masterarbeit über das Thema schrieb, auch aus eigenem Erleben. Mit „JONA curly hair care“ schafft die Gründerin ein Forum für Menschen mit naturkrausem Haar, in dem es nicht nur um Pflege geht, sondern um Haltung.

Abina, du hast deine eigenen Haare jahrelang chemisch geglättet. Was war der Anlass, damit aufzuhören?

Das Thema Haarpflege war für mich immer präsent. Da keines meiner Elternteile meine Haarstruktur hat, fiel der Umgang damit nicht leicht. Ich habe mein Haar bis 2011 mit so genannten Relaxern chemisch geglättet, das ist eine Art umgekehrte Dauerwelle und bei Schwarzen Frauen eine gängige Praxis. Zusätzlich habe ich meine Haare noch hellbraun gefärbt. Als sie begannen auszufallen, wurde mir klar, dass ich umdenken muss. Doch bei meinen Recherchen merkte ich, dass es in Deutschland erschreckend wenig Know-how dazu gab.

War der Schritt umso größer, weil dein Umfeld so ahnungslos war?

Es war ein emotionaler Prozess, ein neues Schönheitsideal anzunehmen. Im ersten Schritt musst du die geglätteten Haare wegschneiden. Und mit kurzen Haaren herumzulaufen, ist erstmal nicht easy. Medien und Gesellschaft vermitteln ja ein völlig anderes Ideal. In den USA und Afrika ist die Stigmatisierung noch stärker. Afrohaare in ihrer natürlichen, krausen Struktur galten immer als minderwertig und behinderten die Chancen, respektiert zu werden. Erst im letzten Jahr ist in den USA ein Gesetz in Kraft getreten, das die Diskriminierung von Haaren verbietet. Das Natural Hair Movement – eine Bewegung, die es seit 2000 in den USA gibt, kommt seit 2011 langsam nach Europa.

Du bist mit JONA also eine Vorreiterin?

Das war vor 10 Jahren: Es gab noch keine Blogger, wie wir sie heute kennen, aber das geteilte Wissen hat mich total inspiriert. Nachdem ich mir Wissen angeeignet hatte, startete ich eine Art Mini-Movement in meinem Umfeld. Für meine Masterarbeit habe ich Interviews in Deutschland und den USA geführt. Und dann habe ich die ersten Workshops beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften gehalten. Da merkte ich, dass ich andere empowern kann! Neben meiner freiberuflichen Arbeit in der qualitativen Markt- und Trendforschung habe ich 2018 dann nebenberuflich gegründet.

Gründerstory mit Abina Ntim von JONA curly hair care

Die Satin Cap, eine Schlafhaube, die man nachts trägt, um das Haar vor Austrocknung zu schützen, ist eines der Topprodukte von JONA curly hair care. Derzeit verkauft Abina Ntim ihre Produkte über Etsy, ein eigener Online-Shop ist in Planung. Foto: privat

Welche Erfahrungen machen Frauen in deinen Workshops und Beratungen?

JONA steht für „Join Our Natural Association“. Die Frauen lernen nicht nur alles über die bestmögliche Pflege von Afrohaaren, ich biete einen Space für Erfahrungsaustausch. Manche mögen anfangs ihre Haare nicht anfassen. Dabei braucht es nur das richtige Wissen, um sich schön zu fühlen. Als eine Kundin sagte „du hast mir neuen Aufschwung für mein Leben gegeben“, war das das schönste Kompliment. Und das war kein Teenager, sondern eine gestandene Frau. Über meinen Etsy-Shop verkaufe ich außerdem Produkte. Die Satin Cap, eine Schlafhaube, die man nachts trägt, um das Haar vor Austrocknung zu schützen, läuft super, aber auch die Bürsten und die Applikatorflaschen für Öl.

Spricht sich dein Space mittlerweile herum?

In Deutschland bin ich die Einzige, die eine Kombination aus Workshops, Beratung und Produkten anbietet. Einiges läuft über Word-of-Mouth, meine Kunden werben neue Kunden, indem sie von JONA erzählen. Total wichtig ist Social Media! Wenn ich auf Instagram etwas poste, z.B. Kurzvideos von Workshops, komme ich häufig erst auf den Radar der Menschen. Aufgrund der aktuell geführten Debatten um Rassismus, werde ich auf Social Media derzeit auch von Initiativen und Bloggern vermehrt verlinkt. Im Anschluss an jede Bestellung gebe ich meinen Kunden den Hinweis auf den Hashtag #jonataughtme. Viele posten dann ein Unpackaging oder zeigen ihre Haare und helfen so der Community.

Gründerstory mit Abina Ntim von JONA curly hair care

Abina Ntim hat mit JONA einen Space erschaffen, in dem es um Beratung, Austausch und das gemeinsame Ausprobieren von Produkten für naturkrauses Haar geht. Und darum gemeinsam eine Haltung einzunehmen. Foto: Anissa Carrington

Hast du dich vor der Gründung beraten lassen?

Ja, über die Lawaetz-Stiftung kam ich zur hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative. Meine Idee wurde gleich ernst genommen und ich bekam das hei.scheckheft. Vom WordPress Seminar, einem Online Handel-Seminar bei Stefan Knecht, einem Vertriebsseminar und Seminaren zu Newsletter, Geschäftsmodell, Steuern und Buchführung habe ich ganz viel mitgenommen. Extrem wichtig war auch das dreistündige Sparring mit anderen Gründern zum hei.ideenplan. Da habe ich gemerkt, wie weit ich schon war.

Wie weit willst du noch kommen – und was können andere von dir lernen?

Mein Ziel ist, dass Afrohaare zur Norm werden und das Exotische verlieren. Mittelfristig brauche ich einen eigenen Onlineshop, in dem es alles für Menschen mit Afrohaaren gibt – einen Spot für Beratung, Austausch und Produkte. Und Mitarbeiter, die mich unterstützen.

Man muss an seine Idee glauben und sich trauen, rauszugehen und sein Produkt zu testen. Die Zielgruppe zu kennen ist total wichtig, so wird das Produkt immer besser. Perfektionismus hält einen eher auf, daher rate ich, sich mit einer guten Idee nicht allzu viel Zeit zu lassen. Besonders, wenn man merkt, dass es eine hohe Nachfrage gibt.

Artikel vom 10. Juli 2020

Gründen mit Migrationshintergrund – 3 Fragen an Katarzyna Rogacka-Michels, ASM Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten e.V.

Existenzgründung mit Migrationshintergrund

Individuelle Beratung und Unterstützung für Menschen mit Migrationshintergrund, die sich selbstständig machen möchten: Das bietet die „Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten“, kurz ASM. Foto: via Unsplash

Nicht nur die Hamburger Gründerszene ist vielseitig und bietet unterschiedlichsten Gründungen ein Zuhause. Ebenso vielseitig ist auch das Netzwerk an Einrichtungen und Institutionen, die Existenzgründer_innen beraten und ihnen zur Seite stehen, um mit ihrer individuellen Idee an den Start zu gehen. Seit über zehn Jahren unterstützt die „Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten“, kurz ASM, Unternehmen und Existenzgründungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Mehrsprachige Beratung und Qualifizierungsangebote sowie Unterstützung bei der Erstellung des Businessplans gehören zum Angebot des Vereins. Katarzyna Rogacka-Michels setzt sich seit Jahren mit Engagement und Leidenschaft für Existenzgründer_innen unterschiedlicher Nationalitäten ein. Um mehr über die besonderen Herausforderungen für das Gründen mit Migrationshintergrund zu erfahren, haben wir ihr drei Fragen gestellt:

Wie würden Sie Hamburgs Gründerszene beschreiben – vor allem mit Blick auf das Gründen mit Migrationshintergrund?
Hamburgs Gründerszene ist groß und vielschichtig. Ich kann nur von den Gründer_innen, ihren Ideen und Vorhaben sprechen, mit denen ich in meiner Beratung bei ASM im Projekt IQ Hamburg Servicestelle Migrantenökonomie in Berührung komme. In der Regel kommen zu uns Menschen, die für sich auf dem Arbeitsmarkt eine bessere Chance als Selbstständiger sehen als im Angestelltenverhältnis. Auch wenn sie dabei große Risiken auf sich nehmen müssen. Die Vielfalt der Geschäftsideen ist groß – von unterschiedlichen freiberuflichen Tätigkeiten über diverse Angebote in Gastronomie, Einzelhandel, Import/Export, im sozialen und zunehmend auch digitalen Bereich. Die Migrant_innen, die für sich eine Selbstständigkeit erwägen, haben einen unterschiedlichen Werdegang. Es wird aus unterschiedlichen Lebenslagen gegründet. Es sind Menschen, die bereits eine Anstellung haben und mit der Selbstständigkeit für sich bessere Chancen sehen. Wie auch Menschen, die gerade den Arbeitsplatz verloren haben oder aus der Langzeitarbeitslosigkeit heraus gründen. Oder aber Studenten und Azubis, die schon für die Zukunft planen, weil sie Ideen haben für ein selbstbestimmtes Agieren auf dem Arbeitsmarkt. Einen nicht so geringen Teil machen ebenfalls Menschen aus, die weder arbeiten noch Leistungen beziehen. Und die sich in einer Lebensphase befinden, wo sie mit einem eigenen Unternehmen den Schritt auf den Arbeitsmarkt wagen. Insgesamt wurden bei uns im vergangenen Jahr 119 Personen beraten, die aus 47 Herkunftsländern stammen bzw. Migrationshintergrund haben. Zu den gründungsaktivsten Gruppen von Einwanderern, die bei uns in der Beratung waren, gehören Menschen aus Polen, dem Iran, Syrien, Afghanistan und der Türkei. Wenn man das zur Kenntnis nimmt, könnte man schon sagen, dass Hamburg  für eine Vielfalt von Geschäftsvorhaben sowie für Menschen aus der ganzen Welt sehr attraktiv ist. Die Finanzierung des Geschäftsvorhabens stellt dabei allerdings oft eine Hürde dar.

Gibt es besondere Herausforderungen, denen sich Neuzugewanderte oder Gründende mit Migrationshintergrund  gegenübersehen? Welche ersten Schritte können Gründer_innen (in Hamburg) gehen, um diese zu meistern?

Gründungsinteressierte mit einer Einwanderungsgeschichte oder Migrationshintergrund haben oft multiple Hürden zu bewältigen. Zu den größten Herausforderungen gehören der Aufenthaltstitel, die Finanzierung – hiermit hängen die weiteren Herausforderungen oft zusammen – kommunikative Fähigkeiten in der deutschen Sprache sowie Kenntnisse des Wirtschaftssystems und des Marktes.

Wenn der Aufenthaltstitel für eine begrenzte Zeit ausgestellt wurde und eine Selbstständigkeit erlaubt, können Gründende kein Darlehen mit einer längeren Laufzeit beantragen. Ähnlich verhält es sich mit den gewerblichen Mietverträgen, die oftmals 5 Jahre Laufzeit haben. Der Aufenthaltstitel muss mindestens für diese Zeit gültig sein.
Die Deutschkenntnisse können für die Kommunikation mit Kunden ausreichend gut sein, aber um die Formalitäten zu bewältigen, stehen viele Gründer_innen vor einer sehr großen Hürde, die sie allein, ohne fachliche und enge Unterstützung oftmals nicht bewältigen könnten.

Um all das zu meistern, braucht es eine gute migrationssensible Beratung, eine fachliche und professionelle Unterstützungsstruktur. Wenn erforderlich, eine erläuternde Beratung in der Muttersprache, um das Fachliche und Bürokratische zu verstehen. Hamburger öffentlich geförderte Beratungseinrichtungen haben zusammen einen Flyer erstellt, „Gemeinsam für Hamburg. Beratung und Förderung für Gründungen und Unternehmen von Menschen mit Migrationshintergrund“, der Gründungsinteressierten mit Einwanderungsgeschichte und auch Unternehmen mögliche Wege der Unterstützung aufzeigt. Gern verweise ich auch in unserer Beratung an Kooperationspartner wie die Kammern, die IFB oder die hei. – oder diese verweisen Menschen mit Einwanderungsgeschichte an uns.

Die Corona-Krise hat uns erneut sehr deutlich gezeigt, wie wichtig unsere migrationssensible Beratung und Unterstützungsarbeit ist. Herausfordernd sind für Gründerinnen und Gründer sowie Unternehmen die Hürden rund um das Verstehen von amtlichen Informationen oder das Beantragen von wirtschaftlichen Soforthilfen. Unsere Unterstützung in Form von (oftmals  mehrsprachiger) Weitergabe von Informationen, zeitaufwändiger Beratung, Hilfe beim Zusammenstellen von Unterlagen wird bei Gründer_innen sowie Unternehmen stark nachgefragt.

Unabhängig von Herkunftsland oder Gründungsvorhaben: Welchen Tipp möchten Sie jedem auf dem Weg in die Selbstständigkeit mitgeben?

Existenzgründung mit Migrationshintergrund

Katarzyna Rogacka-Michels setzt sich seit Jahren bei ASM mit Engagement und Leidenschaft für Existenzgründer_innen unterschiedlicher Nationalitäten ein. Foto: Privat

Alle Gründer_innen haben ein Ziel: sie wollen mit ihrem Geschäftsvorhaben erfolgreich sein. Es wird manchmal sehr auf die Idee geschaut und weniger auf die Kalkulation und die Zahlen. Aus der Erfahrung würde ich daher jedem und jeder empfehlen, sich Hilfe zu nehmen und einen gründlichen Businessplan zu erstellen. Hier kann die Geschäftsidee in Zahlen aufgehen und unter dem Strich kann man seinen Lebensunterhalt finanzieren. Die visionäre, rosa Brille darf hier kurz zur Seite gelegt werden. Und es wird sich auf die Welt der Zahlen eingelassen, die so oder so das Unternehmertum wesentlich bestimmen.

Vielen Dank, Katarzyna Rogacka-Michels!

Artikel vom 26. Juni 2020

Gründerstory: In der Corona-Zeit „trotz Krise nicht zu weit vom eigenen Weg abgehen“

Kunst in der Corona-Zeit

Heike Baltruweit hat eine eigene Galerie im Hamburger Karoviertel und schlägt in der Corona-Zeit verstärkt digitale Wege mit ihrer Kunst ein. Foto: Pure Photography

Als „natürlichen Ausstellungsraum“ betrachtet Galeristin Heike Baltruweit ihre Umgebung. Straßenpflaster, Fabrikmauern oder Wasserspiegelungen – was andere im Vorbeigehen leicht übersehen, ist für die 66-jährige Fotografin eine abstrakte Komposition. Dass sie das, was sie entdeckt, nicht arrangiert, verändert oder nachträglich am Computer bearbeitet, ist in Fake-News-Zeiten ein echtes Statement und besonderes Kennzeichen ihrer „Pure Photography“. Seit einem Jahr betreibt die ehemalige IT-Projektmanagerin im Karoviertel ihre eigene Galerie. Doch in der Corona-Zeit bleiben die Kunden aus – und neue Konzepte sind gefragt.

Heike, was sind für Dich als Künstlerin und Galeristin in der Corona-Zeit gerade die größten Herausforderungen?

Meine Galerie ist Anfang des Jahres richtig zum Laufen gekommen. Ich habe viele Bilder verkauft und bin aus dem Ausland angeschrieben worden, mich an Ausstellungen zu beteiligen: Eine Ausstellung in Venedig, der Woman Art Award in Bologna und zahlreiche Ausstellungen in Deutschland waren fest geplant. Nach und nach sind alle abgesagt oder verschoben worden. Im März musste die Galerie schließen und die Einnahmen tendieren seitdem gegen Null. Das Geschäft lebt vom direkten Kontakt. Nach dem 20. März durften wir zwar wieder öffnen, aber es ist einfach zu wenig los. Die Messe-, Dom-, St. Pauli-Besucher und vor allem die Touristen fehlen. Und die, die vorbeikommen, haben wenig Lust auf geschlossene Räume.

Wie reagierst Du darauf?

Ich versuche, das Innen nach außen zu bringen und durch Mitmach-Kunst im Kiez die Auseinandersetzung mit der Kunst zu fördern: Aus der natürlichen Umgebung gefilterte Kunstwerke sollen gefunden und ihren Fundorten zugeordnet werden, wer das schafft, bekommt ein Geschenk. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf den Online-Aktivitäten. Ich habe meine Website DSGVO-konform gestaltet, Gutscheinsysteme integriert, den Shop überarbeitet und mache mich in Google Ads fit, um den Traffic zu erhöhen und mehr über den Shop zu verkaufen. Und ich probiere neue Formate aus: Auf Instagram habe ich das „Picture of the week“ ins Leben gerufen, dort präsentiere ich eine abstrakte Fotografie und teile sie auch via Facebook. Daneben beteilige ich mich an kostenlosen Netzaktivitäten wie „Support your own business“, „kaufnebenan.de“ oder Gutscheinaktionen. Der Erfolg ist noch nicht abzusehen. Aber ich bin mir bewusst, dass die Zeit für eine Bewertung zu kurz ist – auch wenn sie mir selbst ziemlich lang vorkommt.

Kunst in der Corona-Zeit

Triptychon: Colour in motion 1 – 3, 2018. Foto: Pure Photography

Dafür, dass Du als Galeristin neu im Geschäft bist, bist Du bewundernswert umtriebig. Hilft Dir dabei dein Hintergrund als IT-Projektmanagerin?

Bestimmt. Als Multi-Projektmanagerin bin ich ständig – quasi berufsmäßig – mit jeder Menge Unwägbarkeiten konfrontiert gewesen. Zu einem meiner Bereiche gehörte – neben E-Learning-Projekten und der Neugestaltung von Arbeitsräumen zum flexiblen Arbeiten – auch die Digitalisierung im Kulturbereich.

Und wie bist Du darauf gekommen, eine Galerie zu eröffnen?

Ich hatte meinen Übergang in die nachberufliche Phase schon einige Jahre vorbereitet: Da ich meine Coaching-Aktivitäten intensivieren und medial ergänzen wollte, habe ich einen zweiten Uniabschluss als Master of Educational Media sowie eine Ausbildung zum Business Coach absolviert. Parallel begann ich meine künstlerische Karriere als Fotografin und beteiligte mich an Ausstellungen. Dann eröffnete einer der Ausstellungsorganisatoren eine Galerie im Karoviertel, in der ich seitdem vertreten bin. Als dann Anfang 2019 Gewerberäume in der gleichen Straße frei wurden und ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, selbst eine Galerie zu eröffnen und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, habe ich sofort zugesagt. Der Zeitpunkt war perfekt: Nach 40 Jahren Berufsleben stand ich kurz vor dem regulären Ausstieg und hatte noch einen Monat Resturlaub Zeit, um meinen Neuanfang als Galeristin zu organisieren.

Kunst in der Corona-Zeit

Fototeller Hamburger Fleet. Keramischer Druck, gebrannt auf Fine Bone China. Foto: Pure Photography

Als seltene Mischung aus Coach, Künstlerin und IT-Fachfrau kannst Du in Deiner Galerie ja ein ziemlich breites Feld aufmachen?

Stimmt. Meine beruflichen Ausbildungen – Diplom-Pädagogin, Master of Educational Media und Business Coach – verbinde ich in der Galerie mit meiner künstlerischen Arbeit, indem ich mediale und pädagogische Ansätze in das Veranstaltungskonzept integriere. Die Verbindung von Medien und Kunst, z.B. Augmented Reality, ist für mich ein Herzensanliegen. Mich faszinieren die Möglichkeiten, die Realität meiner Bilder mit einer erweiterten virtuellen Realität zu verschmelzen und zu zeigen, wie ich „die Welt“ sehe und welchen gemalten Kunstwerken sie ähneln. Die Ausstellungen „Storytelling“ und „Ceci n’est pas …“ zeigen die ersten Umsetzungsschritte in diese Richtung. Der Sender Tide TV hat dazu sogar einen Film gedreht.

In dem millionenfach angeklickten Aufsatz von Zukunftsforscher Matthias Horx ist zu lesen, gerade der Bruch mit Routinen setze einen „Zukunfts-Sinn“ frei – also die „Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren“. Kann man in der Krise auch eine Chance sehen – gerade mit Blick auf das kreative Um-die-Ecke-Denken?

Natürlich. Die Auszeit ist auch eine Chance, bisherige Strategien zu überdenken und über den Tellerrand zu gucken. Stehen Aufwand und Resonanz im richtigen Verhältnis? Wie kann ich Ausstellungs- oder Workshop-Konzepte verbessern? Mit wem kann ich kooperieren? Ein Ergebnis im Sinne des „Um-die-Ecke-Denkens“ ist für mich, verschiedene Themen zu neuen Konzepten zu verbinden. Ich plane zum Beispiel gerade ein Projekt, das Modedesign mit Kunst verbindet, ein Buchprojekt mit einer Krimiautorin und weitere Aktivitäten zu Augmented Reality. Eine Inspiration sind auch andere Gründerinnen, die ich in den hei.Workshops oder beim Gründerfrühstück kennengelernt habe. Daraus haben sich interessante gemeinsame Projekte und Freundschaften ergeben.

Wie schaffst du es, jetzt den Kopf frei zu haben für neue Konzepte?

Ich habe mich stark auf das fokussiert, was mir wichtig ist – und was erfolgsversprechend ist. Themen, die auch nach der Corona-Zeit relevant sind. Um mich nicht zu verzetteln, habe ich einen Großteil der digitalen Beteiligungs-Möglichkeiten, die in der Anfangszeit auf mich hereingeprasselt sind, schnell ausgeblendet. Da die Galerie zunächst geschlossen bleiben musste, habe ich den Schwerpunkt schnell auf Onlinemarketing gesetzt, Fachliteratur besorgt und meinen Tag geplant. Mich motiviert es, ein Schwerpunktthema zu haben und strukturiert daran zu arbeiten – und auch wenn sich nicht gleich der Erfolg einstellt, versuche ich Lösungen zu finden, die mich insgesamt weiterbringen.

Kunst in der Corona-Zeit

A touch of manga. Foto: Pure Photography

Also bereitest Du Dich schon jetzt auf die Zeit nach der Corona-Zeit vor?

Ich denke, es ist wichtig, digital professioneller zu werden. Die verstärkte Nutzung digitaler Medien wird auch nach der Krise bleiben, weil sich dann viele daran gewöhnt und das Digitale in ihr Leben integriert haben werden. Bezogen auf die Kunst werden der Besuch digitaler Ausstellungen, Online-Beratungen, Einkaufen im Online-Shop etc. wichtiger. Deshalb setze ich mich damit auseinander, wie ich gute Filme für meine Web-Präsenz drehe, interessanten Content erstelle und insgesamt meine Marketingaktionen verbessern kann.

Hast Du einen Plan B, wenn Deine Gründung in schwieriges Fahrwasser gerät?

Dann werde ich auf mein Ursprungskonzept zurückgehen und meine Coaching-Aktivitäten intensivieren. Die Galerie ist dafür gut geeignet, da ich dort bereits Coachings und Mentoring durchführe, gibt es auch ein Whiteboard. Zusätzlich würde ich Workspace für andere Coaches oder Workshops anbieten und Kooperationen verstärken.

Bekommst Du aktuell finanzielle Unterstützung?

Ja, ich erhalte die Soforthilfe, damit ich die hohen Mietkosten trotz fehlender Einnahmen schultern kann. Mentale Unterstützung bekomme ich durch meine Kooperationspartner, Familie und Freunde.

Wie können sich die Gründer jetzt gegenseitig unterstützen?

Indem sie weiter in Kontakt bleiben, Ideen zur Krisenbewältigung teilen, über gemeinsame Projekte sprechen, Unterstützer suchen, sich kollegial beraten und sich gegenseitig ermutigen, am Ball zu bleiben. Und auch mal zusammen lachen! Ganz wichtig finde ich aber auch, seinen Ideen treu zu bleiben und trotz Krise nicht zu weit vom eigenen Weg abzugehen. Ich verstehe schon, dass alle jetzt Masken nähen. Aber ich empfehle allen Gründern ganz dringend, auch weiterhin das zu machen, wofür sie brennen.

Artikel vom 05. Juni 2020

Interview: „Gerade in der Krise zählt die persönliche Empfehlung noch mehr“

Krisenmanagement in Zeiten von Corona mit Hilfe von Netzwerkpflege und Empfehlungsmarketing

Welchen Stellenwert Netzwerkpflege und Empfehlungsmarketing in Zeiten von Corona für Gründer_innen haben kann, erläutert Personal- und Teamentwicklerin Dagmar Rissler. Foto: Adam Jang via Unsplash

Die Corona-Krise stellt gerade Gründer_innen vor große Herausforderungen. Was gestern noch die eigene Geschäftsidee voranbrachte, muss heute womöglich neu überdacht werden. Andere, kreative Strategien sind gefragt. In (Online-)Seminaren der hei. geben Experten wertvolle Ratschläge, wie man besser durch die Krise kommt. Die erfahrene Personal- und Teamentwicklerin Dagmar Rissler zeigt zum Beispiel auf, welchen Stellenwert Netzwerkpflege und Empfehlungsmarketing auch in der Krise und in Zeiten von Corona haben können.

Frau Rissler, was sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen für Gründerinnen und Gründer?

Das ist aus meiner Sicht die Liquiditätssicherung. Um durchhalten zu können, braucht es jetzt Reserven. Finanzielle Unterstützung gibt es beispielsweise mit Soforthilfe und Kurzarbeitergeld, dennoch sollte man genau überprüfen, welche monatlichen Kosten – wie Miete, Investitionen oder Beiträge – reduziert werden können.

Eine schwierige Aufgabe ist auch die Strategieentwicklung. Hält man mit dem bestehenden Angebot durch? Hat man die Bedürfnisse des Kunden im Blick? Muss man das Angebot neu ausrichten? Eine Marktbeobachtung und möglicherweise strategische Neuausrichtung halte ich für eine große, aber notwendige Herausforderung – die im Moment umso größer ist, da sie nicht geplant werden kann. Das ist für Selbstständige eine riesige Hürde. Allerdings kann gerade hierbei das eigene Netzwerken wichtige Impulse geben.

Welche Impulse könnten das sein?

Im Gegensatz zu anderen Marketingmaßnahmen kostet Empfehlungsmarketing in der Regel kein Geld. Wenn ich als Unternehmer überzeugend arbeite, wird das meine potenziellen Kunden überzeugen – und gerade in der Krise, bei sinkenden Budgets, zählt die persönliche Empfehlung noch mehr. Deshalb ist es jetzt wichtig, im Gespräch zu bleiben, nachzufragen, was der Kunde braucht und den Kontakt zu halten. Das wird sich später auszahlen.

Ein anderes wichtiges Argument für Netzwerkpflege ist auch die positive Auswirkung auf mich selbst. Netzwerken gilt als eine der Säulen der Resilienz, also der inneren Widerstandskraft. Gerade in belastenden Situationen kann der Kontakt zu anderen Selbstständigen eine große Unterstützung sein und dabei helfen, die psychischen Belastungen zu mildern. Je größer und stabiler das soziale Netz, desto mehr Hilfe kann ich erwarten – sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext.

Darüber hinaus kann ich mich mit Netzwerkpartnern über Innovationen, Marktveränderungen usw. austauschen. Ich empfehle, regelmäßige Termine mit wichtigen Netzwerk-Partnern einzuplanen, möglichst per Video-Chat.

Krisenmanagement in Zeiten von Corona: Per Telefon und Videokonferenz Kontakt halten und sich auf den "Circle of Influence" besinnen

Dagmar Rissler hält per Telefon und Videokonferenz Kontakt zu ihrem Netzwerk und besinnt sich auf ihren „Circle of Influence“. Foto: Privat

Wie gelingt es Ihnen persönlich, in der jetzigen Situation Ihr Netzwerk lebendig zu halten und neue Kontakte zu knüpfen?

Neue Kontakte sind im Moment nicht die Priorität. Mir kommt es darauf an, mit meinen mir nahestehenden Netzwerkpartnern zu telefonieren oder per Video-Chat Kontakt zu halten. Dafür plane ich feste Termine ein. Auf diese Weise tauschen wir Neuigkeiten und Informationen aus, die unser Business betreffen und die uns helfen, strategisch zu planen. Darüber hinaus gibt es immer wieder einen positiven Impuls, Rat oder eine Aufmunterung – also positive Aspekte, die es in der jetzigen Zeit braucht.

Ich kann außerdem nur empfehlen, diese Zeit für die eigene Fortbildung zu nutzen – es gibt derzeit sehr viele qualitativ hochwertige Online-Schulungen, nicht zuletzt die der hei.. Auch eine strategische Neuausrichtung kann jetzt gut auf den Weg gebracht werden. Und zu guter Letzt kann man immer auch an sich selbst arbeiten, zum Beispiel Sport treiben und die eigene seelische Widerstandskraft stärken. Persönlich hilfreich ist für mich gerade jetzt der sogenannte „Circle of Influence“: Mir immer wieder bewusst zu machen, welche Handlungsmöglichkeiten ich habe, worauf ich Einfluss nehmen kann – und was ich schlicht akzeptieren muss.

Dagmar Rissler bietet im Rahmen des Seminarangebots der hei. das Thema: „Akquisitionsstrategie: Empfehlung“

Artikel vom 25. Mai 2020

Gründerstory: Keine Angst vor hohen Wellen

Mit Wind und Wellen gründen

Gründerin Lisett Kretzschmann sticht für unterschiedliche Forschungsprojekte in See, um u.a. Wasserproben zu entnehmen und diese zu analysieren. Foto: Lisett Kretzschmann, Between Waves

Dass eine Seefahrt mit starken Wellen nicht immer lustig ist, schreckt Lisett Kretzschmann nicht ab. Seit fünf Jahren ist die 33-Jährige für das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie auf der Nord- und Ostsee unterwegs, nimmt Wasserproben und analysiert sie im Labor. Als die Arbeit an Land immer mehr Zeit in Anspruch nahm, gründete sie nebenberuflich „Between Waves“ – und sticht nun, wann immer es geht, mit wechselnden Crews in See.

Minus 5 Grad, schräger Wind, hohe Wellen – bei Deinem Job muss man ganz schön tough sein. Wie kommt jemand, der wie Du im Erzgebirge aufgewachsen ist, zur Seefahrt?

Nachdem ich in Dresden Chemie-Ingenieurwesen studiert hatte, wollte ich eigentlich zum Landeskriminalamt, aber das hat nicht geklappt. Meine erste berufliche Station war dann beim Institut für Biogeochemie und Meereschemie der Universität Hamburg. Wasserproben nehmen, Huminstoffe, gelöster organischer Kohlenstoff und Isotopenbestimmung an Meerwasser – das war fünf Jahre lang mein Job. Das Beste daran: Ich entdeckte meine Faszination für die Seefahrt. Als ich dann zum Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie wechselte, verbrachte ich aber immer mehr Zeit im Labor und vermisste total die Zeit auf dem Wasser zwischen Wind und Wellen.

Also hast Du Dich umorientiert?

Nur teilweise. Meinen festen Job beim BSH wollte ich behalten. Über die niederländische Organisation „By the Ocean we Unite“ fand ich aber eine Gelegenheit, nebenberuflich in See zu stechen: Um auf die Plastikverschmutzung in den Meeren aufmerksam zu machen, nimmt ein Team aus Wissenschaftlern immer wieder Interessierte auf längere Törns mit. Dabei werden u.a. Wasserproben genommen und Wissen über Ursachen und Folgen der Verschmutzung vermittelt. Nachdem ich 14 Tage lang im wissenschaftlichen Team von Rotterdam nach Kopenhagen mitgesegelt war, stand für mich fest: Das will ich öfter machen. Aber ich musste einen Weg finden, meine Ausgaben zu finanzieren.

Mit Wind und Wellen gründen

Mit Blick aufs Meer – so kann man sich Lisett Kretzschmanns „Schreibtisch“ zwischen den Wellen vorstellen. Foto: Lisett Kretzschmann, Between Waves

Ausgaben?

Für Hochseereisen muss man je nach Einsatzgebiet mehrere Offshore-Sicherheitstrainings vorweisen, sonst bekommt man keine Aufträge. Außerdem braucht man etwas Ausrüstung. Aber durch die ersten Aufträge habe ich das schnell wieder hereinbekommen.

Was genau bietet „Between Waves“ an?

„By the Ocean we Unite“ war für mich der Anstoß, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Durch meine Ausbildung bin ich ja sehr flexibel als technische Unterstützung einsetzbar. Meine Gründung bietet drei Schwerpunkte: Der erste sind Offshore-Tätigkeiten wie z.B. die Probenahme von Luft-, Sediment- oder Wasserproben für verschiedene Forschungsprojekte. Der zweite ist die Erfassung von Zug- und Rastvögeln durch Sichtbeobachtungen und Radarmessungen auf dem Wasser und der dritte Schwerpunkt ist der Bereich Umweltbildung. Hier begleite ich studentische Ausbildungsseefahrten oder Naturschutzorganisationen im Bereich Meereswissenschaften.

War Dir schon vor der Gründung klar, welchen Kurs Du nehmen wolltest oder hast Du Dir Rat gesucht?

Als ich „Gründungsberatung“ gegoogelt habe, bin ich gleich bei der hei. gelandet. Vor der Erstberatung dachte ich noch „ohne coole App schicken die mich gleich wieder nach Hause“. Im Gegenteil! Meine Gesprächspartnerin hat genau zugehört, geholfen, die Gedanken zu sortieren und sogar erste Kontakte hergestellt. Und dann habe ich gleich zwei Seminare besucht: „Nebenberufliche Selbstständigkeit“ und „Rechtlich sicher auftreten“ mit Blick auf Logo, Social Media und Bildrechte. Auf das Programm des hei. scheckheftes komme ich sicher wieder zurück. Oft merkt man erst nach einer gewissen Zeit, wo es hakt, Steuern zum Beispiel. Und bei Social Media und Akquise könnte ich auch Hilfe brauchen.

Mit Wind und Wellen gründen

Auch die Erfassung von Zug- und Rastvögeln durch Sichtbeobachtungen gehört zu Lisetts Tätigkeiten mit ihrer Gründung „Between Waves“. Foto: Lisett Kretzschmann

Wie findest Du Deine Kunden? Und hat Deine Chefin den Zweitjob gleich akzeptiert?

Ich komme ja aus dem Bereich und hatte schon viele Kontakte. Wenn man auf engstem Raum miteinander arbeitet, nimmt man gerne jemanden, der ins Team passt; viel läuft deshalb über Empfehlung. Zuerst hatte ich schon Bedenken, meine Chefin anzusprechen. Aber der Arbeitgeber hat ja auch etwas davon, wenn man motiviert ist. In meinem Job bin ich zwischen sechs Tagen und sechs Wochen auf See, da sammelt sich Einiges an Überstunden an – die ich dann für meine freiberuflichen Projekte nutze.

Welche Ziele steuerst Du in den nächsten Jahren an?

So, wie es ist, bin ich zufrieden und freue mich über jeden neuen Auftrag – ich würde gerne mal für ein Projekt in die Antarktis.

Hast Du Tipps für Menschen, die in Hamburg gründen wollen?

Dranbleiben, auch wenn noch keine klare Linie für die Umsetzung da ist. Es gibt viele Anlaufstellen wie die hei. oder die Lawaetz-Stiftung, wo man gemeinsam eine Lösung finden kann. Außerdem: Mut, gutes Bauchgefühl und nicht zu viel Perfektionismus – sonst bleibt man womöglich für immer an Land.

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