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Artikel vom 03. Mai 2020

Interview: „Krise heißt maximale Ehrlichkeit gegenüber sich selbst“

Liquiditätsplanung bekommt in der Krise einen neuen Stellenwert

Im Krisenmodus muss der Finanzplan in aller Regel kürzer getaktet werden. Foto: Markus Winkler via Unsplash

Die Corona-Krise stellt Gründer vor große Herausforderungen. Gerade jetzt ist eine fundierte Übersicht über die finanziellen Mittel und mögliche Risiken eine wichtige Basis für unternehmerische Planungen. In Online-Seminaren der hei. geben Experten wertvolle Ratschläge, wie man besser durch die Krise kommt. Brigitte Schmidtmeyer vom Wirtschafts-Senioren-Beraten e.V. schöpft nicht nur aus einem großen Erfahrungsschatz. Seit kurzem arbeitet sie in der Gründungsberatung mit einem neuen Finanztool. Im Interview mit der hei. erläutert sie vor dem Hintergrund der aktuellen Lage die Bedeutung von Finanzplänen, Liquidität und Kostendisziplin.

Frau Schmidtmeyer, als ehemalige Führungskraft der Hewlett-Packard GmbH haben Sie sicher die eine oder andere Krise meistern müssen. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit können Sie nun für die aktuelle, noch nie dagewesene Krise nutzen?

Krisen sind in aller Regel nicht geplant. Wenn sie eintreten, gelten oft innerhalb von Stunden neue Regeln, so genannte „paradigm shifts“. Diese muss man erkennen und im Stande sein, schnell zu handeln. Deswegen ist –  auch krisenunabhängig – entscheidend, die Kennzahlen, Stärken und Schwächen des Unternehmens zu kennen, damit man das Ruder jederzeit mit fester Hand übernehmen kann. Diesen Überblick liefert der Finanzplan. Das Augenmerkt sollte hier auf der Liquiditätsentwicklung liegen, also: Welche Maßnahmen sind zu ergreifen, um erstens die Liquidität zu sichern und zweitens eine mögliche Insolvenz zu vermeiden? Offene Rechnungen müssen umgehend eingetrieben und Gespräche mit eventuellen Gläubigern gesucht werden. Das Ziel: eine Stundung der Verbindlichkeiten und ein gestreckter Zahlungsplan.

Um die eigene Krisenanfälligkeit zu verringern, empfiehlt es sich schon in der Gründungsphase, auf Diversifikation zu achten, sich also von vornherein auf unterschiedliche Kundengruppen zu fokussieren und ein breiteres Waren- oder Dienstleistungsspektrum anzubieten. In Einzelfällen kann so in der Krise auch eine Chance stecken, etwa wenn ich bestimmte Waren besonders günstig erwerben kann.

Wie gelingt es, den Finanzplan auf Krisenmodus umzustellen?

Im Krisenmodus muss der Finanzplan in aller Regel kürzer getaktet werden. Statt einer monatlichen sollte eine wöchentliche, besser tägliche Liquiditätsplanung vorgenommen werden. Hier ist wichtig, u.a. nicht ausgeschöpfte Spielräume bei Betriebsmittelkrediten einzubeziehen und mit der Bank sicherzustellen, dass diese auch erhalten bleiben. Das setzt eine gute Kontaktpflege voraus. Gleiches gilt für andere Finanzreserven. Eine komplette, jederzeitige und vor allem realistische Übersicht über die Liquidität muss das Motto sein. Krise heißt maximale Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und der Situation und nie das Ziel aus den Augen zu verlieren: bestmöglich zu überleben.

Liquidität - wichtig, gerade in Krisenzeiten

Brigitte Schmidtmeyer vom Wirtschafts Senioren Beraten e.V. ist Expertin für das Thema Liquiditäts- und Finanzplanung. Foto: Privat

Ein langer Atem ist das, was gerade Gründer nicht immer haben. Abseits der Liquidität muss auch immer ein Blick auf die persönlichen Kosten geworfen werden. Was raten Sie jungen Gründern, um besser durchzuhalten?

Die aktuelle Corona-Soforthilfe ist ein gutes Beispiel: Sie hilft dem Unternehmen, aber nicht dem Unternehmer: Büromiete kann darüber gezahlt werden, die Wohnungsmiete des Gründers aber nicht. Deshalb ist es wichtig, bereits in der Gründungsphase den Aufbau von Reserven zu planen. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ ist heute so aktuell wie vor 100 Jahren. Wer etwas unter seinen Verhältnissen lebt, baut über die Zeit Reserven auf, die im Notfall als finanzieller Puffer zur Verfügung stehen. Auch für eine abgesicherte Altersvorsorge ist ein langer Planungshorizont unumgänglich.

Aber nicht nur zeitlich, auch räumlich sollte man den Blick weiten. Das relativiert nicht nur die eigene Situation, man gewinnt auch neue Einsichten. Für mich war es immer wichtig, gut informiert zu sein – über die Krisenherde dieser Welt und das Kräftespiel der großen Industrienationen. Auf einmal wird deutlich, dass es nur wenige Regionen auf der Welt gibt, die Wohlstand, Beständigkeit und „social care“ bieten. Weltweit gesehen sind Krieg, Armut und Hunger leider Normalität.

Auf die Situation in unserem Land bezogen bin ich dennoch davon überzeugt, dass eine nachhaltige und erfolgreiche Unternehmensführung das Ergebnis von sorgfältiger Planung ist. Grundsätzlich kann es deshalb nie schaden, auch in ruhigeren Zeiten einmal gedanklich den Krisenfall durchzuspielen. So wappnet man sich und hat im Idealfall schon einen Notfallplan in der Tasche. Jede gründungswillige Person sollte sich außerdem von Anfang an fragen, welches Ziel sie mit der Gründung verfolgt und die eigene Motivation und Hartnäckigkeit auf den Prüfstand stellen. Dann sind auch Krisen in den Griff zu bekommen.

Das Seminar Nr. 74 aus dem hei.scheckheft „Ihr Finanzplan an einem Tag erstellt – praxisnah und individuell“ von Wirtschafts Senioren Beraten e.V. wird auch als Online-Seminar angeboten.

 

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