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Artikel vom 26. August 2020

Gründerstory: Psychologischer Lotse durch stürmische Zeiten

Selbstständigkeit als Psychologe

Daniel Will bietet psychologische Beratung in Hamburg und hilft Menschen in „stürmischen Zeiten wieder in fahrbares Wasser zu gelangen“. Er selbst sieht sich dabei als ein „Lotse auf einem Schiff“. Foto: Privat

Nicht jeder braucht eine Therapie, vieles lässt sich auch mit einer psychologischen Beratung klären, findet Daniel Will. Gerade jetzt, wo die Corona-Pandemie auf breiter Front zu seelischen Nöten führe. Nach seinem Master in Psychologie sammelte der 34-Jährige u.a. als Schulpsychologe so viel Erfahrung, dass er sich im Mai 2019 gut gewappnet sah für den Schritt in die Selbstständigkeit. Als psychologischer Berater sieht er sich als ein „Lotse“ auf dem Schiff: „Steuern muss der Klient selbst, aber ich führe ihn aus dem Sturm wieder in fahrbare Gewässer.“

In einer Art Vorstufe zur Psychotherapie bietet Daniel in einer Praxis- und Bürogemeinschaft in Hamburg-Eilbek – und auch online – einen geschützten Raum, um Menschen durch stürmische Zeiten zu helfen. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Partnerschaftsprobleme oder der Verlust eines Menschen. „Sich zu allgemeinen Lebensfragen Hilfe zu holen, gehört in Amerika zum guten Ton, wird aber hierzulande noch immer stigmatisiert“, wundert sich der Hamburger.

Mangelware Einzelberatung

Seine Klienten indes konnten in sechs Jahren Berufstätigkeit nicht unterschiedlicher sein: Während seines studienbegleitenden Praxisteils am Deutschen Herzzentrum in Berlin betreute er Patienten vor und nach einer Herz- oder Lungentransplantation. In einer Eltern-Kind-Klinik an der Nordsee arbeitete er dann eineinhalb Jahre mit Menschen, die an Haut-, Atem- und Stresserkrankungen litten – mit Schwerpunkt Familiendynamik. Nach einem halben Jahr in der Ambulanten Sozialpsychiatrie in Hamburg übernahm er schließlich als Schulpsychologe an einem ReBBZ die Beratung für gleich 45 Schulen. „Hier merkte ich, wie groß der Bedarf an Einzelberatung, Fortbildung und Supervision ist“, sagt Daniel, „letztlich gab das den Ausschlag für die Gründung.“

Klar war aber auch: Seine Ausbildung zum Psychotherapeuten, die er gerade begonnen hatte, würde noch lange dauern. Zugleich fühlte er sich durch mehrere fachliche Aus- und Weiterbildungen, wie die zwei-jährige Ausbildung zum systemischen Berater, gut gerüstet für den ersten Schritt in die Selbstständigkeit. Über einen Berliner Freund hatte er „Talk Now“ kennengelernt, eine Online-Beratungsplattform für mentales Wohlbefinden. Um einsteigen zu können, musste er zumindest nebenberuflich selbstständig sein. „Also schrieb ich in drei Wochen meinen Businessplan, sicherte mir parallel den Gründungszuschuss und einen ersten Honorarauftrag an einer Klinik.“

Selbstständigkeit als Psychologe

Zu Beginn seiner Sitzungen nutzt Daniel Will die „Seekarte der Befindlichkeiten“, um die Erwartungshaltung seiner Klienten zu klären – und welche Anstrengungen sie auf sich nehmen würden, um ihr Ziel zu erreichen. Foto: Privat

Starthilfe durch die hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative und das Gründerkompetenzzentrum

Bei seinen Recherchen stieß er auf die hei. Hamburger ExistenzgründungsInitiative und bekam zusätzlich gleich einen Termin am Gründerkompetenzzentrum, um den Business-Plan prüfen zu lassen. „Rita Mirliauntas ist mit ihren über 80 Jahren eine echte Koryphäe, ich fühlte mich super aufgehoben – immerhin ging es darum, den Gründungszuschuss für die ersten 6 Monate zu beantragen und ihn später nochmal zu verlängern. Bei dieser Tragfähigkeitsprüfung war sie eine große Hilfe.“ Über das hei.scheckheft machte er sich fit in Akquisestrategie, Empfehlungsmanagement und Suchmaschinenoptimierung. Logo und Visitenkarte überließ er einem Grafiker, die Website erstellte er mit WordPress in eigener Regie.

Präsent sein ist das A & O für die Selbstständigkeit

Den ersten Aufträgen folgte schnell die Weiterempfehlung. „Durch die Selbstständigkeit positioniere ich mich unabhängig vom Schulsystem, weiß aber trotzdem genau, über welches Tätigkeitsfeld wir sprechen“, freut sich der Gründer. Inzwischen supervidiert er drei Gruppen an Schulen, auch Einzelberatungen und ein Lehrauftrag kamen darüber zustande. Bei der Akquise, so sein vorläufiges Fazit, zählt vor allem eins: präsent sein. „Das war für mich anfangs schwer und ich musste an mir arbeiten, es ist aber hilfreich, wenn einem Andere Türen öffnen. Aber das braucht Zeit und Geduld. Das muss man einkalkulieren.“

Sobald seine Ausbildung zum Psychotherapeuten abgeschlossen ist, will Daniel ein breites Portfolio anbieten: Von der psychologischen Beratung und Supervision über die psychotherapeutische Einzel- und Gruppentherapie bis zur Psychoanalyse. Außerdem will er mit Fachvorträgen zu Themen wie „Psychotraumatologie“, „schwierige Elterngespräche führen“ oder „Stressbewältigung für Lehrkräfte“ eine Mischung aus kollegialer Fachberatung und klassischer Lehrtätigkeit anbieten. Über die Kooperation mit einer Kollegin, die als Hebamme arbeitet, plant er gerade eine Vortragsreihe zu frühkindlicher Erziehung und Partnerschaft.

Hilfe annehmen – und auch mal Abstand gewinnen

„Ob man gleich in die Vollen geht, weil man schon Aufträge hat oder erstmal die Teil-Selbstständigkeit wählt, um mehr Zeit für die Akquise zu haben, muss jeder selbst entscheiden“, findet Daniel. Was er allen Gründern rät: Gründungszuschuss beantragen und Unterstützung wie die der hei. in Anspruch nehmen, und sich an entscheidenden Stellen fragen: „Lerne ich das selbst und investiere Zeit oder beauftrage ich jemanden und investiere Geld?“ Und, hier spricht der Psychologe: „Geduld, Ausdauer und einen guten Ausgleich finden – lieber mal gezielt ein Wochenende loslassen und dann den Faden wieder aufnehmen, das bringt oft mehr als durcharbeiten.“

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