Vom Kritzeln im Unterricht zur selbstständigen Visual Practitionerin: Catalina Velasquez zeigt, wie aus einer kreativen Stärke ein Business werden kann. Im Interview spricht Catalina mit uns über ihren Weg von der Product-Marketing-Managerin zur selbstständigen Illustratorin, über kreative Selbstzweifel, den Mut zum Gründen und darüber, warum gute Ideen oft mitten im Alltag entstehen. Außerdem verrät sie, warum Community für sie unverzichtbar ist, was hinter erfolgreichen Visualisierungen wirklich steckt – und weshalb man manchmal einfach anfangen muss, bevor alles perfekt ist.

Foto: Catalina Velasquez
Das Interview mit Catalina, Catalina Velasquez Visuals:
Catalina, du erzählst mit deinen Bildern Geschichten – wann hast du gemerkt, dass das genau dein Ding ist und nicht nur ein Hobby bleibt? Gab es einen konkreten Moment, in dem du wusstest: „Ich mache das jetzt selbstständig“?
Das Zeichnen war für mich schon immer eine Art, neue Informationen zu verarbeiten und zu verstehen. In der Schule habe ich oft Ärger bekommen, weil ich im Unterricht gekritzelt habe, da meine Lehrer:innen dachten, ich passe nicht auf. In Wirklichkeit hat mir das Zeichnen aber geholfen, das Gelernte zu verarbeiten und im Kopf zu behalten.
2018 hat mir eine Freundin in Kanada das Konzept des Visual Note-Taking vorgestellt und erzählt, dass sie das sogar beruflich macht. Da hat es bei mir sofort Klick gemacht. Damals habe ich als Product Marketing Managerin gearbeitet und oft erlebt, wie technische Konzepte von nicht-technischen Teams missverstanden wurden. Visuelle Notizen wurden für mich zu einem einfachen aber mächtigen Werkzeug, um eine gemeinsame Basis zu schaffen. Je öfter ich sie einsetzte, desto klarer wurde mir, dass Bilder Menschen nicht nur dabei helfen, Ideen schneller zu verstehen, sondern sie auch lange nach einem Meeting im Gedächtnis zu behalten.
Nach mehr als 14 Jahren in der Gaming- und Tech-Branche habe ich mich 2025 dazu entschlossen, ernsthaft in meine Fähigkeiten im Bereich Visual Note-Taking zu investieren und meinen eigenen Illustrationsstil zu entwickeln. Was als eine Methode begann, um selbst besser zu lernen und effektiver zu kommunizieren, wurde nach und nach zu etwas viel Größerem. Mir wurde klar: Menschen dabei zu helfen, komplexe Informationen durch Bilder greifbar zu machen, ist genau die Arbeit, die mir am meisten Spaß macht.
Der Schritt in die Selbstständigkeit fühlte sich dann einfach wie der nächste logische Schritt an. Sie ermöglicht es mir, Strategie, Kommunikation und Illustration miteinander zu verbinden und gleichzeitig mit Menschen aus den verschiedensten Branchen und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenzuarbeiten. Ich liebe es, komplexe Ideen in etwas zu verwandeln, das man sehen, verstehen und zu dem man einen Bezug aufbauen kann – und genau das ist es, was ich jeden Tag tun möchte..
Welche Unterstützung war für dich auf deinem Gründungsweg besonders wichtig? Gab es neben der hei. weitere Menschen, Netzwerke oder Anlaufstellen, die dich wirklich weitergebracht haben?
Die hei. war ein superwichtiger Meilenstein auf meinem Weg, weil sie mir geholfen hat, meine größten Unsicherheiten rund um die Existenzgründung abzubauen – vor allem in den Bereichen Buchhaltung, Steuern und bei den ganz praktischen Seiten der Selbstständigkeit. Die Workshops haben mir das nötige Selbstvertrauen gegeben und dafür gesorgt, dass sich das Thema Gründen plötzlich viel nahbarer und machbarer anfühlte.
Eine weitere unverzichtbare Ressource war das Visual PRO Camp, eine Community für Visualisierer, die vom Berliner Graphic Recorder Benjamin Felis geführt wird. Durch dieses Netzwerk konnte ich von erfahrenen Profis lernen, meinen eigenen visuellen Stil weiterentwickeln und habe ein viel besseres Gespür für die Branche in Deutschland bekommen.
Was ich an dieser Community am meisten schätze, ist der echte Teamgeist. Die Leute sehen sich untereinander nicht als Konkurrenz, sondern als Kolleg:innen, die ihr Wissen, ihre Stärken und ihre Erfahrungen völlig offen teilen. Diese Mentalität ist unglaublich motivierend und hat mir gezeigt, dass genug Platz für uns alle da ist, um gemeinsam zu wachsen.
Kreative tun sich oft schwer mit Themen wie Businessplan, Zahlen oder Positionierung. Wie war das bei dir? War es schwierig, deiner kreativen Arbeit eine klare Business-Struktur zu geben und wie bist du damit umgegangen?
Tatsächlich hatte ich hier einen kleinen Heimvorteil: Mein Bachelor-Studium war in Management Engineering, was mir ein solides Fundament in Wirtschaft und Finanzen gegeben hat. Außerdem habe im Laufe der letzten 14 Jahre im Product Marketing gearbeitet – Themen wie Positionierung, Zielgruppenanalyse und Value Propositions waren mir also absolut vertraut.
Eine meiner Lieblingsaufgaben in meinen früheren Positionen war es sogar, Positionierungs-Workshops zu leiten. Wenn ich darauf zurückblicke, sehe ich, wie nahtlos diese Erfahrung an meine heutige Arbeit anknüpft. Ich würde diese Art von Workshops unglaublich gerne wieder in mein eigenes Business integrieren – dieses Mal allerdings mit einer viel stärkeren visuellen Komponente.
Die größte Herausforderung für mich war daher nicht das Schreiben eines Businessplans oder das Definieren meiner Dienstleistungen. Es war das Preisschild an meine eigene Arbeit zu hängen. Ich glaube, das können viele Kreative gut nachempfinden. Es ist eine Sache, den Wert eines Produkts oder eines Unternehmens zu erkennen – aber es ist eine ganz andere Hausnummer, den Wert von etwas zu bestimmen, das man selbst erschaffen hat. Zu lernen, selbstbewusst Preise für meine Arbeit abzurufen, war definitiv eine der größten Lektionen auf dieser Reise.
Viele sehen nur das fertige Ergebnis auf Instagram – was passiert hinter den Kulissen, das die meisten unterschätzen?
Die Vorbereitung ist wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Teil des gesamten Prozesses. Die Leute sehen oft die fertige Illustration und nehmen an, dass die Ideen einfach so spontan auf dem Papier gelandet sind. Aber gute visuelle Metaphern entstehen selten durch Zufall.
Egal, ob ich eine Infografik erstelle oder live bei einem Event arbeite: Ich investiere im Vorfeld viel Zeit, um das Thema, die Zielgruppe und die Kernbotschaft wirklich zu durchdringen. Bei Events macht es einen riesigen Unterschied, wenn man die Agenda, das genaue Timing der einzelnen Sessions und die gewünschten Ergebnisse kennt.
Das Zeichnen selbst ist am Ende nur der sichtbare Teil der Arbeit. Dahinter stecken Recherche, aktives Zuhören, Analysieren und der Prozess, komplexe Informationen in etwas zu übersetzen, das sowohl präzise als auch leicht verständlich ist. Genau da findet die meiste Denkarbeit statt.
Was inspiriert dich? Gibt es Orte, Menschen oder Momente, die deine Arbeit stark beeinflussen?
Inspiration entsteht vor allem durch Aufmerksamkeit. Ich weiß, das klingt simpel, aber wenn wir einen Gang herunterschalten und bewusster beobachten, sind Ideen plötzlich überall. Ich habe eigentlich immer ein Skizzenbuch und einen Stift dabei, weil Inspiration oft in den unerwartetsten Momenten auftaucht – bei einem Gespräch, durch einen interessanten Gesichtsausdruck, bei einer Szene in der Bahn oder sogar, während ich auf einer Spielplatzbank sitze und auf meine Kinder warte. Diese kleinen Alltagsbeobachtungen werden dann oft zu visuellen Ideen, schnellen Skizzen oder Übungen, die später meine Arbeit beeinflussen.
Einer meiner Lehrer hat mal zu mir gesagt, dass Kreativität eine Lebenseinstellung ist – und dass der beste Weg, im eigenen Bereich kreativer zu werden, darin besteht, neugierig auf andere Fachgebiete zu bleiben. Deshalb schaue ich mir nicht nur die Arbeiten von anderen Illustrator:innen und Visual Thinker:innen an. Ich finde Inspiration genauso in Büchern, Filmen, Museen, in der Architektur und im ganz normalen Alltag. Je vielfältiger der Input ist, desto reicher und spannender werden am Ende die Ideen.
Gab es einen Auftrag oder ein Projekt, das dich besonders geprägt hat – vielleicht sogar, weil es nicht perfekt lief?
Es gibt ein ganz bestimmtes Projekt, das ich als den entscheidenden Wendepunkt betrachte, der mich letztendlich in die Selbstständigkeit geschubst hat. Damals war ich mir noch unsicher, ob ich wirklich mein eigenes Business gründen sollte. Mein Mentor, Benjamin Felis, hatte eine Illustrationsanfrage erhalten, aber selbst keine Kapazitäten frei, um sie zu übernehmen. Er fragte mich, ob ich Interesse hätte, und wir haben dem Kunden gemeinsam ein paar Arbeitsproben von mir geschickt. Zu meiner Überraschung fand der Kunde sofort, dass mein Stil genau das war, wonach er gesucht hatte.
Das Projekt war für eine NGO, die im Bereich der Menschenrechte aktiv ist. Nach einem Treffen mit dem Team, bei dem ich ein echtes Gespür für ihre Arbeit bekommen habe, habe ich 11 Infografiken, 50 Icons und 7 maßgeschneiderte Zoom-Hintergründe erstellt, um ihre Kommunikation zu unterstützen.
Was dieses Projekt so wichtig für mich gemacht hat, war aber nicht nur die Arbeit an sich – sondern das, was es in mir verändert hat. Eines der größten Hindernisse, das mich damals bremste, war das sogenannte Imposter-Syndrom. Ich war eine Ingenieurin und Product Marketing Managerin, die Illustratorin werden wollte, und ein Teil von mir zweifelte daran, ob ich überhaupt in diese kreative Welt gehörte. Dass ein geschätzter Profi mich weiterempfahl und ein Kunde sich ganz bewusst wegen meines eigenen Stils für mich entschied, hat mir geholfen, mich endlich selbst als Visual Practitionerin zu sehen. Rückblickend war es genau dieses Projekt, das mir das nötige Selbstvertrauen gegeben hat, den Sprung zu wagen und mein Business zu gründen.
Wenn du nochmal ganz am Anfang stehen würdest: Was würdest du heute anders machen, wenn du nochmal gründen würdest, und was genau wieder genauso?
Das Größte, was ich rückblickend anders machen würde: früher anfangen. Lange Zeit dachte ich, ich müsste erst alles bis ins kleinste Detail ausgearbeitet haben, bevor ich den Sprung wage – meine Dienstleistungen, meine Preise, mein Portfolio, meinen Businessplan. Die Realität ist: Dieser perfekte Moment kommt nie. Man lernt beim Machen, im Gespräch mit Kund:innen, durch Fehler und indem man sich unterwegs immer wieder anpasst. Heute weiß ich, dass ich dem Prozess früher hätte vertrauen und weniger Zeit mit dem Warten auf absolute Sicherheit hätte verbringen sollen.
Was ich dagegen absolut wieder genauso machen würde, ist, mir gezielt eine Community aus Gleichgesinnten, Gründer:innen und Profis aus der Praxis zu suchen. Der Zugang zu Menschen, die ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Learnings völlig offen teilen, war und ist einfach unbezahlbar. Ihre Unterstützung hat mir geholfen, Fehler zu vermeiden, Selbstvertrauen zu gewinnen und zu erkennen, dass viele meiner Zweifel völlig normal waren.
Das Ganze hat nur einen kleinen Haken: Ratschläge sind nur dann nützlich, wenn man sie auch umsetzt. Lernen ist wichtig, aber erst das Handeln bringt uns wirklich voran.
Was motiviert dich heute, weiterzumachen – auch an Tagen, an denen Selbstständigkeit anstrengend ist? Und was möchtest du anderen kreativen Gründer:innen mitgeben?
Ich mochte schon immer das Sprichwort: „Wenn sich eine Tür schließt, öffnen sich drei Fenster.“ Die Selbstständigkeit erinnert mich ständig daran, dass Rückschläge und neue Chancen oft Hand in Hand gehen. Natürlich ist es frustrierend, wenn Dinge nicht wie geplant laufen. Aber ich habe gelernt, mich zu fragen, was ich aus der Situation lernen kann, anstatt mich nur auf die Enttäuschung zu konzentrieren.
Was mich heute motiviert, ist das Wissen, dass mir jedes Projekt die Möglichkeit bietet, Menschen dabei zu helfen, etwas klarer zu verstehen. Egal, ob es sich um einen Workshop, eine Infografik oder eine visuelle Notiz handelt – es macht mir unglaublich viel Spaß, etwas zu erschaffen, das Ideen verbindet und im Gedächtnis bleibt.
Mein Rat an andere kreative Gründer:innen wäre: Teilt euer Wissen, bleibt neugierig und hört auf, eure Reise mit der von jemand anderem zu vergleichen. Erfolg bedeutet für jeden etwas anderes. Nehmt euch die Zeit, um zu definieren, wie Erfolg für euch ganz persönlich aussieht. Schreibt es auf, zeichnet es auf, wenn es sein muss, und schaut es euch immer wieder an. Die einzige Person, die wirklich entscheidet, wozu du fähig bist, bist du selbst – aber irgendwann musst du aufhören zu planen und anfangen zu machen.
Und zu guter Letzt: Hast Du Lust, deine Gründungsreise zu visualisieren?
Auf jeden Fall! Eine Freundin von mir neckt mich oft damit, dass ich die Tendenz habe, einfach alles zu visualisieren – und sie hat wahrscheinlich recht. Ideen zu visualisieren ist nun mal meine Art, die Welt zu verstehen. Daher war es für mich das Natürlichste überhaupt, auch meine eigene Gründungsreise visuell aufs Papier zu bringen. Sie zeigt, wo ich angefangen habe, die Kurven und Wendepunkte auf dem Weg und wo die Reise in den kommenden Jahren hoffentlich noch hingehen wird.
Ich hoffe, es macht euch genauso viel Spaß, sie zu entdecken, wie es mir Spaß gemacht hat, sie zu zeichnen!

Vielen Dank für das tolle Interview und die Visualisierung, Catalina.
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